despite eisler
Das "Hollywooder Liederbuch" entstand 1942/43. Es steht in der Tradition von Liederzyklen, wie beispielsweise Schuberts "Winterreise", und lässt sich als Hanns Eislers künstlerische Verarbeitung seiner Exilerfahrungen verstehen. Eislers fortwährendes Anliegen war es, aktuelle Musik zu schreiben, die gesellschaftliche Zustände reflektiert und zum politischen Geschehen Stellung bezieht. Hierfür griff er auf unterschiedlichste Textvorlagen zurück, von Bibelworten über Gedichte von Goethe und Hölderlin bis hin zu Brecht.
Interessant an den Vertonungen dieser Texte sind vor allem die kompositorischen Mittel, mit welchen Eisler die Texte interpretierte. Kommentierend, oft auch dem Text widersprechend setzte er Elemente der schönbergschen Zwölftontechnik, aber auch des Jazz und der Volksmusik ein. Komponisten, wie Bach oder Brahms waren ihm einerseits Vorbilder, andererseits Material, womit er sich immer wieder neu auseinander setzte und welches er zugunsten seiner Aussage veränderte. Ungewöhnlich an diesem Werk Eislers ist der Aspekt der Isolation. Sein zumeist zweckgebundenes Schaffen verfolgte er in diesem Fall nicht. Diese Lieder habe er zum Zeitvertreib komponiert und es war ihm klar, dass eine Aufführung der Lieder in den USA nicht möglich sein würde. In einem nachträglichen Entwurf für ein Vorwort zu diesem Liederzyklus schrieb Eisler.
"In einer Gesellschaft, die ein solches Liederbuch versteht und liebt, wird es sich gut und gefahrlos leben lassen." Hanns Eisler "PS: Was kann Musik nebst vielem anderen für die Zukunft tun? Sie kann helfen, falsche... [Rest unleserlich]."
Eislers progressiver Umgang mit musikalischem Erbe und seine interessante Aneignung von Textvorlagen animierte uns zur Auseinandersetzung mit diesem Material. Wir wählten sieben Lieder aus dem Zyklus, die uns heute, unter veränderten gesellschaftlichen und politischen Umständen als relevant erschienen. Die von Eisler angegebene klassische Klavierbegleitung ersetzten wir durch Wurlitzer, Trompete, Kontrabass und elektronisch erzeugte Sounds. In Bezug auf das Notenmaterial - Harmonie, Rhythmus, Melodie - blieben einige Lieder nahe an der originalen Vorlage und wurden durch Improvisationsteile lediglich erweitert. Bei anderen Bearbeitungen war das Material stärker Anlass, um mit ihm zu experimentieren und es spielerisch zu variieren: durch Unterlegen mit modernen Grooves, Hinzufügen von elektronischen Effekten, Verändern von Harmonik, Herauslösen einzelner Textpassagen. Der Gesang wählte - im eislerschen Sinne eines notwendigen Gegengewichtes zu schwer anmutenden Inhalten wie Flucht, Exil und Tod - eine unbeschwerte freche, zuweilen intime Erzählweise. Alle Bearbeitungen zielten in der Summe darauf, durch den jeweils veränderten musikalischen Hintergrund einen neuen Raum für die Wahrnehmung der Texte zu schaffen.